2006, Winand Hilden erinnert sich...

Da liegen Welten, nein, nicht Welten, sondern Jahre zwischen. Man kommt als junger oder auch schon gesetzter Mann in solch eine Traditionsgesellschaft wie die St. Sebastianus Schützen- Gesellschaft 1624 Würselen. Spätestens nach dem Patronatsfest im Januar dreht sich alles um den Vogelschuß am Pfingstmontag. Ja und dann ist plötzlich der Pfingstmontag da. Die restlichen Arbeiten und Absprerrungen im Stadtgarten werden noch erledigt, und dann heißt es Antreten.

Das Gedenken der Toten unserer Gesellschaft mit einem Gebet, der erste Schuß des Bürgermeisters, der zweite Schuß des Präses und dann noch die Regeln des Schießens von unserem Herrn Hauptmann vorgetragen, dann ein kurzer Marsch und das Kommando:" Kompanie, nach hinten weggetreten." Spätestens jetzt steigt der Adrenalinspiegel.

Dazwischen noch einige Losverkäufe tätigen, während die ersten Schützen namentlich zum Schießen aufgefordert werden. Die Spannung steigt, es fallen hier und da die ersten Teile von Flügel, Kopf oder Schwanz. Der Rumpf hat schon Löcher. Es werden weiter die Schützen in der Reihenfolge der gezogenen Nummern aufgerufen, um für ihren Ortsteil zu schießen. Oh Schreck, der Rumpf wackelt und bekommt erste Schieflage. Die Schritte der Schützen sind von stramm bis wackelig zauderhaft.

Dann ein Schuß, wieder nichts, der nächste Schütze, usw. Die Spannung steigt. Die Gedanken der Schützen sind dabei vielfältigster Art: Kannst Du Dir das dieses Jahr erlauben, hast gebaut oder umgebaut, bist Vater geworden. Es gibt auch Gründe, die anderer Art sind: die Krankheit eines Familienmitgliedes oder ein Sterbefall. Alles dies bewegt diesen Menschen/Schützen. Und dann, Knall, Paff, ein Aufschrei und der Vogel ist unten, ehe man begreift, was geschehen ist. Es wird einem plötzlich gratuliert, an Armen und Beinen gezerrt und dann haben die Schützenbrüder ihren neuen König auf die Schultern gehoben. Ein Küsschen, ein glückliches Gesicht, es war Deine Frau, die Dir gratulierte, dann die Presse, die Vertreter der Parteien und anderer Vereine und natürlich die restlichen Schützen. Und wenn man anschließend als neutraler Zuschauer in die Gesichter der anderen Schützen schaut, sieht man Freude, aber auch teils Enttäuschung über den eigenen Schuß.


Wenn jetzt die Ansprache des Präses, die Segnung des Silbers und des neuen Königs gehalten sind, geht's mit Marschmusik zum abendlichen Umtrunk. Spätestens jetzt wird einem neuen König klar, dass er bekannt ist wie "Lüehsch Honk" (Aachener Sprachschatz S. 361). Beim Erwachen morgens heißt es dann: " Guten Morgen Majestät" und "Guten Morgen, Frau Königin". Aber dann wird es wieder ernst, denn in 3 Wochen ist Kirmes. Bis dahin muß vieles bedacht werden. Das eigene Königsschild muß geplant und anschließend geschmiedet werden. Die Frage: Wie und wo lasse ich mich abholen? muß geklärt werden. Feiere ich zuhause? etc. etc.

So startet der König in ein Amtsjahr voller neuer Aufgaben und Herausforderungen, um Pfingstmontag, im Jahr darauf, seinen Titel gegen die restlichen Schützen seiner Gesellschaft zu verteiligen.

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